Der Blues Anatoliens

Der Liedermacher und Musiker Ahmet Aslan
Dschalaloddin Rumi
Ahmet Aslan gehört zu den neuen Stimmen der alewitisch-mystisch geprägten Volksmusik Anatoliens. Faszinierend ist das Derwischhafte, das Übersinnliche in seiner Stimme. Mal ganz sanft, mal rau besingt er den “Blues Anatoliens”. Und er schafft es auf verblüffende Weise, die Musik seiner Kultur mit Stilelementen aus Jazz und Blues zu kombinieren. Dabei erneuert er die Volksmusik seiner Heimat innerhalb der Tradition.
Ahmet Aslan: Gesang, Gitarre
Kemal Dinc: Baglama (Tembur bzw. Langhalslaute)
Suat Aydemir: Baglama (Tembur bzw. Langhalslaute)
Alper Kekec: Percussion
www.ahmetaslan.org
Pressetext
Wenn Ahmet Aslan sich mit seinen langen, schwarzgelockten Haaren über die Gitarre bäugt und sein Körper im rhythmischen Gleichklang zur Musik mitschwingt, dann bekommt man bisweilen den Eindruck, sein Geist sei aus allem Irdischen entrückt. Das Instrument in seinen Armen ist dann kaum noch zu sehen, dafür aber gibt es Erstaunlisches zu hören: Klänge und Laute aus dem Land der Derwische, die Ahmet Aslan kunstvoll inszeniert. Es sind Epen und Balladen aus seiner ostanatolischen Heimat Dersim, die in der heutigen Türkei Tunceli heißt und nur noch einen kleinen Teil des einstigen Sprach- und Kulturgebietes umfasst.
Ahmet Aslan gehört zu den neuen und besonderen Stimmen der alewitisch-mystisch geprägten Volksmusik Anatoliens. Herausragend und faszinierend zugleich ist das Derwischhafte, das Übersinnliche in seiner Stimme. Mal ganz sanft, mal rau, immer aber kraftvoll und begleitet von Schwermut besingt er den “Blues Anatoliens” und reizt alle stimmlichen Gestaltungsmöglichkeiten des Genres aus. Und er schafft es auf verblüffende Weise, die Musik seiner Kultur mit westlichen Akkorden und Stilelementen aus Jazz und Blues zu kombinieren. Dabei erneuert er die Volksmusik seiner Heimat innerhalb der Tradition.
Den musikalischen und thematischen Hintergrund seiner Lieder und Kompositionen bildet die Mythologie der Menschen in Dersim, eine über Jahrhunderte in bergiger Abgeschiedenheit lebende, weitgehend mündliche Kultur, deren Sprache und Tradition, aufgrund der Assimilations- und Vernichtungspolitik im Osmanischen Reich und in der türkischen Republik, heute nahezu ganz verschwunden sind. Zwei Muttersprachen gibt es heute in Dersim: Das mehrheitlich gesprochene Kirmancki oder auch Zazaki genannt – sie ist zugleich die Muttersprache Ahmet Aslans - und das Kurmanci. Auch ist nach wie vor unverkennbar vorhanden der kulturelle und sprachliche Einfluss der Armenier in Dersim, wo ein Teil von ihnen ehemals ihr Siedlungsgebiet hatte und die, im Laufe der Zeit, mit der dortigen Bevölkerung Mischehen eingegangen sind.
Sie alle eint heute ihre Weltanschauung: der Alewitismus. Doch mit dem heute praktizierten Alewitismus allein, kann man das Wesen dieser Kultur nicht begreifen. Hinter den religiösen Riten und kulturellen Bräuchen steckt dort vielmehr eine Philosophie, deren Geist aus vorislamischer Zeit stammt und bis in die Zeit von Zarathustra zurückgeht. Sonnen-Licht, Wasserquellen, Felsen sowie (rhythmischer) Gesang sind nur einige zentrale spirituelle Bezugspunkte dieses Naturvolkes.
Ahmet Aslans Mundart, seine zwischen Nase und Kehlkopf erzeugten Laute sowie die rhythmische Atemtechnik sind typisch für den Gesang in der Region Dersim. Diese Art des Singens und Musizierens wird dort nur noch von der Generation der alten Frauen und Männer beherrscht. Sie sind die einzig noch verbliebenen Zeugen einer sehr alten sowie vom Aussterben bedrohten Sprache und Musiktradition. Der Künstler Ahmet Aslan empfindet sie in seinen Liedern authentisch nach und adaptiert ihr musikalisches Erbe durch eigene Kompositionen in die heutige Zeit. Seine Musik ist Erinnern und zugleich Überliefern dieser einst lebendigen Sprache und Kultur. Da es heute in der jungen Garde kaum mehr als zwei, drei Künstler gibt, die diese ostanatolische Musiktradition authentisch wiederzugeben vermögen, kann man bei den Liedern Ahmet Aslans durchaus von einer Rarität sprechen.
Das Debütalbum von Ahmet Aslan ist im September 2003 in Deutschland bei MIR-Musik erschienen und trägt den Titel "Va u Waxt / Wind und Zeit". Text und Komposition der insgesamt zehn Lieder (6 in der Kirmancki/Zazaki-Sprache, 3 Lieder auf türkisch und 1 Lied auf Kurmanci) stammen überwiegend aus seiner Feder. Es sind aber auch traditionelle, anonyme Titel dabei und solche von zeitgenössischen Volkssängern und Barden aus Dersim.
Nach dem Studium an der Musikhochschule in Istanbul, führte Ahmet Aslans Lebensweg ihn nach Deutschland, wo er seit 1998 lebt. Hier lernte er die westliche Musik kennen und nahm an zahlreichen Musikseminaren - darunter “Die vierstimmige Musik Johann Sebastian Bachs” und “Harmonielehre” - teil. Hierzulande machte er auch die Bekanntschaft mit langjährigen deutschen Jazzmusikern, unter anderem wie Klaus Bittner, Bernd Renn und Michael Schwabe, die bei der Produktion des Albums
“Va u Waxt / Wind und Zeit” mitgewirkt haben.
Zur Zeit macht Ahmet Aslan seinen Bachalor an der Weltmusik- und Kunsthochschule Codarts in Rotterdam. 2007 ist sein zweites Album mit dem Titel “Dance of the Angels” beim renomierten Istanbuler Label Kalan erschienen.
Barlas Bezastas (Hessischer Rundfunk)